Dorfchronik

Einführung in die Geschichte Neuenkirchens

Neuenkirchen wurde 1185 erstmalig als „nyen kerken“ urkundlich erwähnt. Als Filialkirche der karolingischen Pfarrei Wiedenbrück war Neuenkirchen schon lange Zeit kultureller und geistiger Mittelpunkt der Region, bevor es die Grafschaft Rietberg und eine eigenständige Kirche in Rietberg  gab. Die heutige Pfarrkirche St. Margareta, die aus dem 13 Jahrhundert stammt, ist das älteste Baudenkmal der Stadt Rietberg.

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht waren die Bauerschaft und das Dorf Neuenkirchen der Mittelpunkt der Grafschaft, da es an dem wichtigen Postweg von Paderborn nach Münster lag. Außerdem wurde Neuenkirchen im 18. Jahrhundert zum Sitz und Siedlungsschwerpunkt der Synagogengemeinde der Grafschaft Rietberg. So entwickelte sich Neuenkirchen zum Standort für Handel und Handwerk innerhalb der Grafschaft.

In Neuenkirchen nahm auch die Industrialisierung des Landes ihren Anfang. So entstanden Firmen überregionaler Bedeutung wie die Backmaschinenfabrik Emil Kemper GmbH von 1898 und der Autozubehörhersteller Nosag, der später von der Lear Corporation übernommen wurde.

Bis 1836 war Neuenkirchen der Amtsverwaltungsitz im nördlichen Teil der Grafschaft, dieser Amtssitz mußte dann jedoch an Verl abgegeben werden. Im Zuge der Gemeindereform wurde Neuenkirchen 1970 der Stadt Rietberg zugeordnet.

Zu Neuenkirchen zählt eine Vielzahl alter jüdischer Denkmäler und Bauten, zum Beispiel der alte jüdische Friedhof, der 1760 entstanden ist. Auf dem Grundstück der 1938 von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge erinnern heute ein Mahnmal, eine Gedenktafel und die in den Boden eingelassenen Umrisse der alten Synagoge.

Weitere Sehenswürdigkeiten sind natürlich die Pfarrkirche St.Margareta, das Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkrieges, die Moschee, die als eine der wenigen Moscheen in Ostwestfalen-Lippe über ein 12 Meter hohes Minarett verfügt, und die alte Volksschule aus dem Jahre 1908, die heute gemeinsam mit anderen Vereinen vom Heimatverein Neuenkirchen als Domizil genutzt wird..

1818

Die Abfassung der Chronik beginnt in 1818 unter dem Landesherrn Wilhelm, dem gnädigsten König von Preußen, der Provinz Westphalen, dem Regierungsbezirke Minden, dem Landräthlichen Kreise Wiedenbrück gehörig, hatte der Canton Neuenkirchen, wozu Varensell gehört, und der Canton Rietberg mit den Gemeinden Westerwiehe und Druffel in diesem Jahre als Landrath Gerstein, ferner Chr. Klinke als Cantonsbeamten, als Einnehmer H. Kersting, zum Polizeidiener Bern. Bender.

Unter den geistlichen Beamten fungierten :

  1. Herr Pastor Wenc. Wessels,
  2. Caplan Conr. Becker,
  3. Vicar Bern. Brinkmann,
  4. Herm. Kersting (Küster).

Als Lehrer ist in Neuenkirchen Caspar Thewes und Anton Meyer, in Varensell Heinrich Kühlmann, in Westerwiehe Engelbert Figgemeyer, in Druffel Caspar Thewes.
Schulen finden sich in Neuenkirchen viere, nämlich eine jüdische und drei katholische, wovon zwei in der Bauernschaft liegen.

Zur Verrichtung des katholischen Gottesdienstes befindet sich eine Kirche hier, wovon der Thurm im Jahre 1803 niederstürzte (Blitzschlag!), und auf fürstliche Kosten wieder aufgebaut wurde. Zu gleicher Zeit gewann die Kirche durch ein sogenanntes Seitenschiff rund ein Drittel ihres Raumes dabei.

Später, im Jahre 1811, wurden neue Stühle und neues Pflaster darin angelegt.
Im Jahre 1819 wurde eine neue Bewappung daran vorgenommen, deren Kosten die zu diesem Kirchspiel gehörige Gemeinde deckte.

Die hier angesessenen Familien mosaischer Religion haben ebenfalls ihre Synagoge, welche sie aus eigenen Mitteln erbauen ließen; als Vorsteher davon ist J. Dreier, zu Rietberg wohnhaft.

1824

Erstes genehmigtes Protokoll vom 24.Januar 1824:
Inhalt vorstehender Chronik wurde den in heutiger Sitzung versammelten Mitgliedern des Gemeinderaths von Neuenkirchen, Varensell, Westerwiehe und Druffel unter Zuziehung der Geistlichen Herren und Schullehrer, wie auch einiger bewährter Angesessenen dieses Kirchspiels vorgelesen, und nach abgehaltener Prüfung, da keiner etwas hinzuzufügen hatte, die Richtigkeit derselben, durch die eigenhändige Unterschrift attestiert.

Dem Cantonsbeamten Klinke wird ein Gehilfe beigegeben in der Person des Cantons-Adjunkten Werner Greßer. Der Banquier Jakob Löb Eltzbacher und der Wirth Franz Mumpro scheiden als Gemeinderäthe aus und werden ersetzt durch den Vollmeyer Adam Westhoff, genannt Spiekerwirth, und den Detailhändler Joseph Schultze. Der bisherige Cantonsbote Bender wird durch den seitherigen Unteroffizier Friedrich Hesse ersetzt. Zwei Nachtwächter werden eingesetzt: Conrad Kleinekorte und Anton Schumacher. Sie erhalten jeweils 17 Rtl. und 15 Sgr..

Der bisher dahier bestehende alte Brauch, nach welchem die Nachbarn der Verstorbenen die Gräber zur Beerdigung verfertigten mußten, ist in diesem Jahr abgestellt und die Einrichtung getroffen, das zwei hierzu bestimmte hiesige Einwohner gebraucht werden.   

In der Nacht vom 3. auf den 4. Februar ereignete sich dahier ein sehr ungewöhnlicher Windsturm, wodurch die Wohnungen der Eingesessenen Vinnebeck, Hölscher, Knevel, Diekhans und Jürgenschellert zu Neuenkirchen sehr beschädigt, zum Theil ganz entdacht wurden.

1827

Hier verdient, die in der Gemeinde Neuenkirchen auf den Vorschlag des Gemeinderaths getroffene Einrichtung hinsichtlich des Schulunterrichtswesens besondere Erwähnung.
Es bestanden bisher in der Gemeinde Neuenkirchen 3 Unterrichts-Locale, nämlich eins in der Küsterey, ein zweites bei dem Zweitäger Laureck, Nr. 100, das dritte bey’m Halbmeyer Kleinetobulte, Nr. 129. In dem ersten wurde von dem Schullehrer Thewes morgens Unterricht gehalten. Nachmittags ertheilte der Thewes in der zum Kirchspiel gehörigen Gemeinde Druffel Unterricht, wogegen in den beiden Bauernschaftsschulen der Lehrer Ant. Meyer unterrichtete.

1828

Der als Pfarr-Vicar seit 5 1/2 Jahren hier angestellt gewesene Heinrich Hörster, gebürtig aus der Gemeinde Sende, starb am 19. July d. J. in Folge eines 2 Jahre angehaltenen Blutauswurfes, in einem Alter von 38 Jahren, in dem der Verlust dieses pflichttreuen Pfarrgeistlichen von sämtlichen Pfarrkindern beklagt wurde.

1829

Johann Heinrich Maasewerd, Heuerling bey’m Colon Flüschenjürgen in Druffel starb in Folge einer Verletzung am Fuße.
Derselbe ist neuhlich unweit seiner Wohnung von einem Schäferhunde angefallen, und der Hirt, welcher den Hund zur Abwehrung werfen will, trifft diesen Menschen mit der Schärfe seines Schäfer-Staabes unten am Fuße; ungeachtet auch ärztliche Hülfe angewendet wurde, so starb der Maasewerd nach vierzehn Tagen in einem Alter von 61 Jahren.

1831

Das Kalte- oder Wechsel-Fieber graßierte dahier in diesem Sommer von Haus zu Haus und in manchen Familien blieb davon Keiner verschond.

Die sich immer mehr nähernde und schon bis Magdeburg vorgedrungene Cholera, welche aus Asien herübergekommen und in Europa schon viele Tausende hingerafft hat, verursachte auch hier Schrecken. Auf höhere Anordnung wurden wöchentlich Bittage gehalten, um von der Vorsehung die Abwendung dieser Seuche zu erflehen. Besondere Bezirks- und Orts […] sind errichtet, um auf Reinlichkeit und ordentliche Lebensweise als das beste Schutzmittel gegen diese Krankheit einzuwirken.

Durch aufgebrachte freiwillige Geldbeyträge und geleistete Arbeiten brachte das Dorf Neuenkirchen in diesem Jahre eine Wasserleitung zu Stande, welche aus dem Wappel-Bach oberhalb Hessen Colonate gespeiset wird, vor dem Dorfe den schon früher bestandenen sogenannten Dorfgraben einnimmt und in Verfolg desselben nordseits des Dorfes in den Wappel-Bach wieder einmündet. Durch die Anlegung des Staues und der erforderlichen Goßen, sowie als Grundentschädigung ist jetzt schon ein Kostenaufwand von […] Rthr. herbeiygeführt, der jedoch, bey den nicht auslangenden Beyträgen, zum Theil aus Privat-Vorschüßen hat bestritten werden müssen.

Als eine seltene Natur-Erscheinung verdient hier noch bemerkt zu werden, daß sich das Nordlicht am 7. Januar d. J. des Abends in seiner vollen Pracht zeigte und ein Wechsel der verschiedenartigsten Farben in einem sich bald hier, bald dort zeigenden Lichtscheine in einer geringen Höhe von der Erde gesehen wurde.

1832

Zum Beigeordneten des Kantonbeamten dahier ist nach dem Ableben des Kersting, der hiesige Einwohner, Oeco-nom Franz Spieker, durch ein Regierungs […]  vom 30. April 1832 bestimmt.

1833

Heinrich Darming, 35 Jahre alt, Sohn der Ww. Darming bei Lückenotto in Varensell, Knecht bey’m Colon Agethenmeyer in Druffel, verunglückte am 12. Juni, von der Delker Mühle zurückkehrend und fand man ihn auf dem Wagen mit herabhängendem und blutigem Kopfe. Wahrscheinlich ist derselbe von der Epilepsie, womit er behaftet war, befallen und in Folge der Beschädigungen des Kopfes durch das Wagenrad gestorben.

Der 15jährige Sohn des Coloni Bantenewerd in Varensell, Namens Christian, verwundete am 27. July abends 10. Uhr durch einen unvorsichtigen Gewehrschuß die 66jährige Leibzüchterin Kuhljürgen zu Varensell, welche aus der Bantenewerds Wiese Heu zu entwenden beabsichtigte und zwar dergestalt, daß diese Person nach ca. 1 1/2 tägigem Leiden verstarb.

Der Schulknabe Otto Schnitzer, 7 Jahre 11 Monate alt, Sohn des Kötters Schnitzer in Neuenkirchen, wurde am 20. October von einem Pferde aus […] Unterleib geschlagen und starb in Folge deßen am 30. Oct..

Da in diesem Jahre ein großer Theil der unsicheren und polizeylich beaufsichtigten Personen festsaß, so waren der Diebereyen auffallend wenige.

Gemeinnützige Handlungen und Verbesserungen, öffentliche Feste, Erfindungen sind nicht aufzuführen.

1835

Die bisher interimistisch besorgte hiesige Küsterstelle wurde zu Ende des verflossenen Jahres dem Schulamts-Kandidaten Heinrich Mumpro, aus Neuenkirchen gebürtig, übertragen und demselben zugleich der Nachmittags-Schulunterricht übergeben.

Der seit 19 1/2 Jahren hier im Amt gestandene Pfarrer Wenzel Wessels starb am 2. Novbr. d. J. in einem Alter von 65 Jahren. Die Besorgung der Pfarr-Geschäfte wurde einstweilig dem Pfarr-Kaplan Becker dahier übertragen.

Die Druffelsche Schule wurde dem Schulamts-Kandidaten Kauppaschedag aus Varensell anvertraut. Von dem hier verstorbenen Pfarrer Wessels sind folgende Vermächtniße fundiert:
  1. für die Bökampsche Armen-Stiftung hierselbst 300 Rtlr., um die Zinsen, gleich den übrigen ……. der Stiftung, zu verwenden
  2. für die christlichen Kirchspiels-Armen 100 Rtlr., deren Verwendung und Vertheilung der Pfarr-Geistlichkeit überlassen werden
  3. zum Heile seiner Seele eine stille Meße, wozu 20 Rtlr. ausgesetzt werden

Als Nachtrag zu dem Jahre 1835 verdient hier noch die in diesem Jahre erfolgte Wiedererscheinung des Halleyschen Kometen bemerkt zu werden. Dieser Komet wurde erst, nachdem er schon seit dem 22. August d. J. durch Fernrohre an verschiedenen Orten beobachtet worden war, den 11. October Abends 6 1/2 Uhr in hiesigem Orte gesehen.

1836

Die, seit dem Ableben des Wenzel Wessels, erledigte hiesige Pfarrstelle wurde, gemäß Verfügung des Hochwürdigen General-Vicariats Paderborn vom 5. Septbr. 1836, dem seitherigen Pastor der Neustadt Warburg, Anton Victor Austrup, übertragen. Die Collations-Urkunde wurde nach Eingang des Königlichen Placets, vom Bischof Friedrich Clemens in Paderborn am 7. Januar 1837 ausgefertigt, die Investitur am 22. Febr. von dem General-Vicar und Dom Dechanten Fr. Drüke ertheilt und die förmliche Einsetzung am 2. März 1837 vorgenommen.

In diesem Jahre ließ sich dahier der Wundarzt I. Klasse und Geburtshelfer Salomon Kemper, von hier gebürtig, nach den zu Berlin vollendeten Studien, nieder und erfolgte deßen Vereidigung am 12. Decbr. 1836 bey der Landräthlichen Behörde zu Wiedenbrück

Seit Anfang April d. J. bestand in Neuenkirchen eine Spinnschule, unter dem Vorstande des Kaufmanns Arnold Stadler, welcher, sehr uneigennützig, das Local hinzu hergab und manches Opfer brachte. Bei der leider sich gezeigten wenigen Theilnahme und bei der Absicht mehrerer einflußreicher Personen, daß die Einführung, feines Garn zu spinnen, für hiesige Gegend nicht vortheilhaft sey, bestand die Spinnschule nur bis zu Herbst 1836, zu welcher Zeit solche nach Wiedenbrück verlegt wurde.

Haus Stadler nach 1905
zur Verfügung gestellt von Josef Gräbener

Die diesjährige Ernte dahier ist im Ganzen nur mittelmäßig zu nennen. Der Roggen hatte durch den späten Frost sehr gelitten und stand dünn. Der Buchweizen, welcher ebenfalls sehr dünn stand und der von dem lange anhaltenden Regen gelitten hatte, ist noch ziemlich kornreich ausgefallen. Die Kartoffeln-Ernte war ergiebig. Über die Heu-Ernte ist eben nicht zu klagen.

1837

Am 26. December starb, hier allgemein bedauert, der Wundarzt 1. Klasse und Geburtshelfer Salomon Kemper in einem Alter von 25 Jahren.

Am 3. August ertrank der zweijährige Knabe des Müllers Ulrich in dem Mühlenteiche der Pasgängers Mühle beim Entenfang in Westerwiehe.

In der Nacht vom 22. /23. August stürzte der Colon Heinrich Kriemann in Druffel, von dem Boden seines Hauses, zerschmetterte den Hirnschädel, zerbrach beide Beine und starb in der folgenden Nacht.

Den 30. October Abends wurde Christoph Berenscord Nr. 120 in der Gemeinde Neuenkirchen beim Schleichhandel auf dem Colonate des Johann Liemke bei Kaunitz, durch den Grenzaufseher Sokolowski erschossen.

Da der Handel großen Theils sich in den Händen, der sich immer noch mehrenden Schmuggeler befindet, so ist derselbe nur schlecht zu nennen. Möchte doch der so lange erwartete Anschluß des Lipperlandes an den Zollverband, diesem Unfuge recht bald ein Ende machen. Der Garnhandel war in diesem Jahre sehr flau.

Die Feier des Gottesdienstes in der hiesigen Kirche hebt sich immer mehr und wurde durch Einführung neuer Gesangbücher verbeßert. Ebenso blieben nicht die Schulen zurück und beeiferten sich auch die Lehrer, den Unterricht immer mehr zu heben, nur vernahm man häufig Klagen über die geringen Leistungen der Nachmittagsschule zu Neuenkirchen. Es wäre daher, so wie überhaupt zu wünschen, daß die von der Königl. Hochl. Regierung anempfohlenen Schulprüfungen recht bald allgemein eingeführt werden möchten.

Der März war in der ersten Hälfte gelinde, den 18. und 19. kam Schnee, den 25. und 26. kam sehr starker Schnee und Frost; der Schnee blieb bis zum 29. liegen, wo er fast an einem Tage verschwand. Den 5., 6. und 7. April schneite es fast unaufhörlich und es fiel eine solche Maße Schnee, als er seit dem ziemlich kalten Winter von 1829 auf 1830 nicht gesehen worden war. Die Wege waren zugeweht und an den Stellen, wo der Wind den Schnee nicht wegtreiben konnte, lag er 3/4 bis 1 Fuß hoch. Den 8. und 9. schneite es noch immer fort. Die Straßen waren nicht mehr zu passieren, der Schnee lag an vielen Stellen 4-6 Fuß und noch tiefer, so daß überall Leute aufgeboten werden mußten, den Schnee hinweg zu räumen.

Mehrere Postwagen blieben im Schnee stecken und die Fortschaffung derselben konnte nur durch die großen Anstrengungen der, von den Behörden requirierten, Arbeiter erfolgen. Kleinere Flüße waren ganz zugeweht,z.B. den Sennebach konnte man nicht mehr von den angränzenden Grundstücken unterscheiden, obschon er sonst nicht zugefroren war; er mußte sich durch die Seitengräben einen Ausweg machen und ein anderes Bett wählen. Der Wind blies in diesen Tagen aus Nord, Nordost und Ost. Den 10. ging der Wind durch West, nach Süd, und es fing allmälig an zu thauen, erst nach Verlauf von acht Tagen konnte diese große Schneemasse ganz verschwinden.

Den Landmann setzte diese unerwartete Witterung sehr in seiner Arbeit zurück und wurde um so drückender, als der Futtermangel mit jedem Tage zunahm.
Am übelsten waren die kleinen Vögel daran, als Bachstelzen, Schwalben und Buchfinken; namentlich die letzteren waren so zahm, daß man sie oft mit den Händen aufnehmen konnte, sehr viele sah man vor Hunger sterben, besonders am 9ten und 10ten. Die Schwalben, derer mehrere schon vor vierzehn Tagen wiedergekommen waren und noch vor einigen Tagen im Schneegestöber herumflatterten, sah man nicht mehr; wahrscheinlich hatten sie den Hungertod gefunden. Bachstelzen waren so außerordentlich selten, daß man lange befürchtete, sie wären ganz ausgestorben.

1838

Ehe wir nun zu den Ereignissen des Jahres 1838 schreiten, verdient hier noch eine Begebenheit, welche für den hiesigen Ort von Bedeutung war und bisher in dieser Chronik übersehen worden, bemerkt zu werden.

Zu Anfang des Jahres 1822, nachdem kurz vorher durch die Anlegung einer neuen Chaussee von Bielefeld über Gütersloh und Wiedenbrück nach Lippstadt, die Hauptstraße von Berlin nach den Rheinprovinzen, welche früher über Neuenkirchen führte, von hier weg und über Gütersloh und Wiedenbrück verlegt worden war, wurde der seit langen Jahren über hier führende Postcours von Berlin nach dem Rhein dem hiesigen Orte genommen und über Gütersloh und Wiedenbrück verlegt, wodurch Neuenkirchen, namentlich durch die Verlegung der Hauptstraße einen unberechenbaren Verlust erlitt.

Der Postcours von Caßel nach Münster verblieb unserem Orte indeß noch bis zum ersten Juni 1833, wo derselbe ebenfalls von hier weggenommen und über Delbrück und Rietberg verlegt wurde; ebenso ging einen Monat später, die bis dahin über hier führende Reitpost ein, welche mit dem ersten Juli desselben Jahres (1833) aufgehoben wurde.
Die bis zu der Zeit hier bestandene Postexpedition verblieb auch noch ferner, und statt des Verlustes der durchgehenden Posten wurde von dem Königlichen General-Postamte zu Berlin eine wöchentlich zweimalige Cariolpost von Lippstadt über Rietberg nach Neuenkirchen und retour und eine wöchentlich dreimalige Botenpost von Neuenkirchen nach Rietberg, tour und retour eingeführt.

Der seit Anfang des Jahres 1825 in hiesigem Orte als Cantonsbeamte fungierende Carl Klee, der wegen seiner Rechtschaffenheit sehr geachtete Mann, wurde mit dem ersten May d. J. als Beamter nach Brakwede, mit einer Gehaltsverbesserung von c. 200 Rtlr., versetzt, und in die durch den Abgang erledigte Cantonsbeamtenstelle, rückte der bisherige Cantonsbeamte Bracksiek zu Delbrück ein, welcher aber schon mit dem 1ten July deßelben Jahres nach Verl versetzt wurde, wohin nun auch der seit dem Jahre 1807 hier bestandene Sitz des Cantonsbeamten verlegt wurde. Die Gemeinden Neuenkirchen und Varensell, welche bis dahin zum Canton Neuenkirchen gehörten, wurden dem Canton Rietberg, und die Gemeinde Oesterwiehe, welche zum Canton Rietberg gehörte, wurde dem neuen Canton Verl zugetheilt.

Zu Rietberg fungierte als Cantonsbeamter der Bürgermeister Heinrich Seppeler. Die Local-Verwaltung der Gemeinden Neuenkirchen und Varensell wurde dem bisherigen Beigeordneten des Cantons Neuenkirchen, Franz Spieker mittelst Regierungsbeschlußes vom 25ten Juni übertragen und fand deßen Einführung als Ortsbeamter am 10ten August statt.

Am 20ten Januar ließ sich dahier der praktische Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer Dr. Robert Marcus aus Soest nieder.

1839

Der bisher in hiesigem Orte als Post-Expediteur fungierende Otto Wiemann, gebürtig aus der Gemeinde Varensell, starb am 18ten October dieses Jahres in einem Alter von beinahe 65 Jahren. Die hierdurch vacant gewordene Königl. Postexpedition wurde dem Ortsbeamten Franz Spieker vom 1sten December d. J. ab übertragen.

Der Handel war im allgemeinen nur mittelmäßig zu nennen und namentlich der Handel mit Spinnereiwaren durch den Schleichhandel sehr herabgedrückt. Wenn gleich auch die Königliche Regierung alle möglichen Mittel anwandte zur Abstellung dieses verderblichen Schleichhandels, als z. B. die Errichtung eines Land-Polizei-Commißariats für den Kreis Wiedenbrück mit einem Polizei-Commissair und zwei Sergeanten, welche nur über die des Schleichhandels verdächtigen Individuen Controlle zu führen hatte, und die Verstärkung der Grenz-Aufsichtsbeamten durch Linien-Militär, so konnte doch diesem Unfuge noch nicht gesteuert werden.

Am 14ten Februar des Abends zwischen 6 und 7 Uhr wurde der praktische Arzt und Geburtshelfer, Licentiat Fr. Fischeraus Rietberg in der Nähe Berenscord Nr. 120 in der Gemeinde Neuenkirchen tod gefunden, derselbe war wahrscheinlich in Folge eines unglücklichen [?] Zufalls gestorben.

Der hiesige Kaufmann Arnold Stadler schenkte der Kirchengemeinde, behuf Umtauschung der auf dem hiesigen Kirchthurme sich befindlichen kleinen Glocke, welche bereits sehr abgenutzt war, gegen eine neue Glocke, 25 Thaler Preuß. Courant. Die vorhin genannte Glocke, 797 Pfund schwer, wurde mit noch zwei anderen kleinen Glocken von 308 resp. 187 Pfund Gewicht gegen eine neue, von dem Glockengießer Alexius Petit in Gescher im Jahre 1836 gegoßene und 1046 Pfund schwere Glocke umgetauscht und wurden die Kosten aus den von dem Stadler geschenkten 25 Thalern bestritten.

Diese neue Glocke hat den Ton „Gis“, wurde am 7. Juli von dem Dechant Joseph Raulf aus Rietberg feierlich eingesegnet, erhielt von dem bei dieser heiligen Handlung als Pate fungierenden Lehrer Caspar Thewes den Namen „Caspara“ und wurde am anderen Tage den 8ten jusdem auf den Thurm gebracht. Die alte 797 Pfund schwere Glocke hatte folgende Inschrift:

Der edle und erenthafte Christoffer VANF.ULLE itziger Droste tzum Retberg.
Der erbar undt vorsichtige Joannes Hubmann itziger Rentemeister.
AN:Do.1588. Meister Hermann Leuck Klochgengeter tzu Widenbrugge. N. Strotman Tempelerer [?] to Nüenkerken: Otto Vaget.

Die beiden kleineren Glocken hatten seit etwa 30 Jahren auf dem Thurm als Uhrglocken gedient, waren vormals auf dem Schloß bei Rietberg und wurden beim Abbruche deßselben der hiesigen Kirche geschenkt.

Für den neuen Leichenhof wurden in diesem Jahre ein steinernes Kreutz mit Postament und zwei steinerne Thorsäulen aus einem Steinbrüche von Veldrom beschafft. Diese Gegenstände kosteten 110 Rtlr. und betrugen die Transportkosten 80 Rtlr.. Für die Ausarbeitung der Inschrift in das Postament, für das zur Errichtung dieser Gegenstände nöthige Material, als Mauersteine, eiserne Klammern, Kalk, Blei usw. für die zur Errichtung nöthigen Maschienerien und für die Arbeitslöhne zusammen, wurde gezahlt 79Rtlr.15 Sgr.. Die nöthigen Handdienste wurden von den Kirchspiel-Eingesessenen gratis geleißtet.

Das im Jahre 1830 bei Hessenhofe auf der Wapel angelegte Waßerstau, behufs der Waßerleitung durch den hiesigen Ort, wurde in diesem Jahre durch Anlage einer Freiarche (?) verbeßert; die Kosten betrugen 35 Rtlr. und wurden durch freiwillige Beiträge von den Dorfbewohnern gedeckt.

1840

Am 15ten October d.J. wurde zum ersten male der Geburtstag Sr. Majestät unseres allergnädigsten Königs und Herren Friedrich Wilhelm IV. gefeiert und fand an diesem Tage zugleich die feierliche Erbhuldigung für die westlichen Provinzen in der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin statt.

Am 4ten October wurde der neue Leichenhof durch den Landdechanten Herrn Raulf zu Rietberg feierlich eingesegnedt und beehrte der Herr Kreis-Landrath und Ritter von Trzebiatowsky zu Wiedenbrück diese feierliche Handlung durch seine Gegenwart.

Den 13. October wurde der erste Todte, Heinrich Reinkemeier aus Westerwiehe, 73 Jahre alt, auf dem neuen Leichenhofe beerdigt.

Am siebenten des Monats Juni dieses Jahres, am ersten heiligen Pfingsttage des Nachmittags drei ein halb Uhr endete die ruhmreiche Laufbahn seiner Majestät unseres allergnädigsten Königs und Herrn FRIEDRICH WILHELM der III.

Zur fortwährenden Erinnerung an den tiefschmerzlichen Hintritt unseres Hochseeligen Herrn möge folgende Bekanntmachung d. dato Berlin den 9. Juni d. J. sowie zwei kostbare Dokumente, welche bezeichnet sind

„Mein letzter Wille“ „Auf Dich Meinen lieben Fritz“

hier ihren Platz finden.